Montag , 29. November 2021
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Usedomer Musikfestival 2021

Im Coronajahr 2021 stand vom 19. September bis 9. Oktober die Musik Litauens im Mittelpunkt der Veranstaltungsreihe des Usedomer Musikfestivals. Das Festival widmet sich seit 1994 der Kunst rund um die Ostsee. Drei Wochen lang lockten die einzigartigen Klänge der jährlich wechselnden Gastländer Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Norwegen, Polen, Russland und Schweden. In uralten Kirchen, malerisch gelegenen Schlössern und Villen, in Galerien sowie kaiserzeitlichen Hotels setzte das Festival die musikalischen Reichtümer der Länder und Regionen, die das Meer verbindet, an den aufregendsten Festivalorten Usedoms in Szene. Seien es Mecklenburg-Vorpommerns größtes Industriedenkmal, das Historische Kraftwerk in Peenemünde oder die prachtvollen Bauten der Kaiserbäder.

Die Musik bringt nicht nur die Insel, sondern Jahr für Jahr eine ganze Region zum Klingen. Zahlreiche Veranstaltungen widmeten sich außerdem der Förderung von Nachwuchsmusikern. Preisträger von „Jugend musiziert“ präsentierten sich in einem großen Konzert im Kinosaal des Historisch- Technischen Museums in Peenemünde dem Publikum. Highlights waren natürlich sieben Konzerte an unterschiedlichen Orten mit dem weltbekannten Cellisten David Geringas, die Lesung der gefeierten Schauspielerin Corinna Harfouch, die Auszüge aus dem Roman „Das weiße Leinentuch“ von dem Dichter Antanas Skema mit Klavierbegleitung zu Gehör brachte, die junge Sopranistin Ausrine Stundyte, die das Publikum mit ihrer zauberhaften Stimme begeisterte und das Abschlusskonzert in der ehemaligen Heeresversuchsanstalt Peenemünde mit dem ehemaligen Solocellisten Geringas und dem NDR- Elbphilharmonie Orchester, um nur einige zu nennen.

Eröffnungskonzert im Heringsdorfer Kaiserbädersaal

Wir hatten das Glück, am 19.9.2021 das Eröffnungskonzert im Heringsdorfer Kaiserbädersaal mit dem Starcellisten David Geringas zu erleben. Bevor allerdings die musikalischen Klänge unsere Ohren erreichten, ging die Ministerpräsidentin des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig auf die Bühne und fand lobende Worte für die Eröffnung der 28. Usedomer Musikfestspiele. Sie sprach von einem der wichtigsten kulturellen Ereignisse seit 1994 auf der Insel, wo sich immer mehr Musikliebhaber aus ganz Deutschland für das Festival interessieren und Sie sich freue, dass das Land als Urlaubsland und auch als Kulturland immer bekannter und beliebter wird. Sie bedankte sich auch bei allen Sponsoren und Unterstützern und wünschte viel Spaß und Erfolg.

Thomas Hummel, der Intendant des Usedomer Musikfestivals und des Baltic Sea Philharmonic, begrüßte die Festivalgäste auf das Herzlichste und lud zu einer Hörreise nach Litauen ein, preiste die Vielfalt seiner herausragenden jungen Talente und ehrte die litauische lebende Legende David Geringas, der in den siebziger Jahren nach Deutschland ins Exil ging, jüngster Hochschulprofessor war und zu den weltweit bedeutendsten Cellisten zählt und dem Usedomer Musikfestival seit 20 Jahren verbunden ist, in diesem Jahr während der Festspielzeit seinen 75. Geburtstag feiert und sieben Konzerte für die Musikliebhaber auf der Insel beisteuert, die sein umfangreiches Können eindrucksvoll belegen. Thomas Hummel sprach seine Einladung zu einer unverwechselbaren Atmosphäre einer weltoffenen, den Ländern des Ostseeraumes zugewandten zwei Länder-Insel aus.

Zu Beginn erklang Musik von Donatas Prusevicius, eine Hommage an Beethoven. Der Komponist widmete sein Werk dem 250. Jahrestag der Geburt Ludwig van Beethovens, zugleich aber auch dem neu gegründeten Geringas Chamber Orchestra. Das Hauptmotiv des ganzen Stücks ist das rhythmische Muster aus dem ersten Satz der Symphonie Nummer 5 und im Mittelteil das Thema aus dem dritten Satz der Symphonie Nummer 9.

Die „Waldesruhe“ op.68 Nr.5 von Antonin Dvorak gehört von Jugend an zu den Lieblingsstücken von David Geringas.. Das Stück ist Teil des Zyklus „Aus dem Böhmerwald“ und er spielte es ausdrucksstark und mit viel Gefühl. Einer Freundin erzählte er, dass er es nicht ahnen konnte, diese Musikalität so lieb gewinnen würde. Ich spiele es mit Klavier, mit Cello-Ensemble, mit kleinem Ensemble, nur mit Streichern und mit einem größeren Orchester.

Die heutige Bearbeitung stammt von Anatolijus Senderovas, dem Sohn von David Geringas erstem Cellolehrer. Anatolijus und David waren ein Leben lang befreundet, von Kindheit bis zu Senderovas Tod im März 2019. Senderovas gehörte zu den prägenden Figuren in Litauens Gegenwartsmusik. Er hinterließ sinnliche und ausdrucksstarke Werke, die das Publikum unmittelbar packen. Wie David Geringas stammte auch Anatolijus Senderovas aus einer jüdischen Familie.

Unter den 16 Streichquartetten Beethovens ist das „Quartetto serioso in f-Moll op.95 eines der kürzesten. Beethoven bezeichnete es als „ernstes Quartett“. David Geringas hat diese Bearbeitung in vier Sätzen noch einmal leicht an die Besonderheiten eines Kammerorchesters angepasst und spielte es hervorragend.

Bevor Arvydas Malcys Konzert für Violine, Viola und Streicher in drei Sätzen ertönte, gab es eine 20 minutige Pause.
Während David dirigierte, gaben die Solisten Ingrida Rupaite (Violine) und Hartmut Rohde (Viola) dem Orchester musikalische und emotionale Impulse. Die drei Sätze repräsentierten unterschiedliche Studien von Handlungssträngen und Emotionen. Das Zusammenspiel zeigte Hoffnungen, Freuden und Enttäuschungen, aber auch Träume. Daran merkte man, dass Arvydas Malcys, der in Kaunas und in Vilnius studierte, ausgebildeter Cellist als auch Komponist ist.

„Aus dem vergessenen Buch“ von Anatolijus Senderovas griff der Komponist auf eine Sammlung traditioneller jüdischer Gesänge zurück. „Dieses Buch“ ist ein Beleg für die Vielsprachigkeit und Multikulturalität des alten Vilnius, weil in den Melodien polnische, weißrussische, litauische und jüdische Einflüsse verschmelzen. Das Kammerorchester Klaipeda, die Violinistin Rupaite, der Violist Hartmut Rohde und der Tenor Rafailas Karpis haben sich in dem ergreifenden Zyklus der Geschichte der Juden Litauens gewidmet. Rafailas sang in jiddischer Sprache vom Leben, vom Menschen, vom blauen Himmel und den grünen Feldern, vom Glück, dem Licht der Freude und dem Frieden. Nach diesem beeindruckendem Spiel gab es natürlich noch eine Zugabe, die das Publikum mit langanhaltendem Applaus dankte.

Im Eröffnungskonzert war David Geringas als Solist und Dirigent zu erleben. Dieser Musiker wurde am 29. Juli 1946 in Vilnius geboren und lebt heute in Deutschland. Von 1963-1973 studierte er am Moskauer Konservatorium Cello bei Mstislaw Rostropowitsch.

1976 zog er nach Hamburg und wirkte dort zunächst als erster Solochellist im NDR Sinfonieorchester. Es folgte eine rege Konzerttätigkeit, bei der er mit zahlreichen renommierten Klangkörpern musizierte, so mit den Berliner Philharmonikern, allen deutschen Rundfunk- Symphonie-Orchestern, den Bamberger Symphonikern, dem London Philharmonic Orchestra, dem Chicago Symphony Orchestra, dem Detroit Symphony Orchestra, dem Philadelphia Orchestra und dem NHK-Sinfonieorchester Tokio. Sein Repertoire umfasst Werke vom Barock bis hin zu zeitgenössischen Stücken. Seine stilistische Vielseitigkeit, seine Klangsinnlichkeit und sein melodisches Sentiment haben ihm Auszeichnungen auf der ganzen Welt eingebracht. Namhafte zeitgenössische Komponisten wie Sofia Gubaidulina, Peteres Vasks und Erkki-Sven Tüür haben ihm Konzerte gewidmet. Im Juli 2006 wurde in Kronberg das ihm gewidmete Stück „Davids Song für Cello und String Quartet“ von Anatolijus Senderovas uraufgeführt.

Als Dirigent ist er regelmäßig auf Podien im In- und Ausland vertreten. Seit 2005 ist er Chief Guest Conductor des Kyushu Symphony Orchestra Japan. 2007 debütierte er mit dem Tokyo Philharmonic Orchestra und dem China Philharmonic Orchestra und 2009 mit den Moskauer Philharmonikern.
Geringas lehrte von 1977-1986 an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, wurde 1980 zum Professor für Violoncello an die Musikhochschule Lübeck berufen und lehrte in dieser Funktion von 2000 an neun Jahre lang an der Hochschule für Musik „Hans Eisler“ Berlin. Seit 2005 gibt er im Sommer regelmäßig Meisterkurse an der Accademia Musicale Chigiana in Siena. Er ist verheiratet mit der Pianistin Tatjana Schatz. Sein Sohn Alexander Geringas wurde als Musikproduzent, Songwriter und Schauspieler bekannt.

Auftakt des Ostsee-Musikforums beim Usedomer Musikfestival

Wir hatten Glück, zum Auftakt des Ostsee-Musikforums, am 20. September 2021 in der Stolper Kirche als Gast zum zweiten Geringas-Konzert dabei zu sein. Es ertönten Werke von Kuprevicius, Juozapaitis, Bartulis, Senderovas und nach der Pause von Johannes Brahms.
Für „Moonlight“ für Klaviertrio von Jurgis Juozapaitis gab es eine Uraufführung der Fassung für zwei Violoncelli und Klavier. David Geringas spielte auf seinem Cello, Povilas Jacunskas (ebenso Violoncello) und Indre Baikstyte Klavier. Die Künstler zeigten mit ihren Instrumenten musikalische Leidenschaft und Spielfreude vom Feinsten.
Das Konzert ist dem Andenken von Vidmantas Bartulis, Faustas Latenas und Anatolijus Senderovas gewidmet. Bildhaft und ausdrucksstark ist die Musik der litauischen Komponisten Vidmantas Bartulis und Anatolijus Senderovas.

Sie erzählt von Liebe, Leid, politischer Verfolgung, Lebensfreude und tiefer Freundschaft. David Geringas war all diesen Komponisten persönlich eng verbunden. Besonders intensiv war Geringas Beziehung zu Anatolijus Senderovas, denn seit Kindheitstagen waren sie miteinander befreundet. Die „Sonate Nr.194“ für Violoncello und Klavier erlebte hier die deutsche Erstaufführung. Senderovas gab seiner Sonate die Möglichkeit, den wunderbaren Klang seines Cello-Instrumentes zu entfalten, was David Geringas ausgezeichnet gelang und die Spielfreude auch seiner Pianistin Indre Baikstyte noch übertönte.

Johannes Brahms beschenkte das Cello mit einem schlichten Volkslied und David Geringas setzte es bravourös um. Das „Klaviertrio Nr.1-H-Dur op.8 erinnerte an all die Künstler und Freunde, die in den letzten zwei Jahren verstarben und spiegelte deren Musik in der Lyrik und Kraft des ersten Klaviertrios von Johannes Brahms wieder.
Das zeigt auch der Applaus und die Zugabe, die dem Publikum zum Schluss geschenkt wurde.

Für uns war es ein schöner Abschluss unseres Aufenthaltes beim Usedomer Musikfestival und wir freuen uns schon jetzt auf das Jahr 2022, wo musikalisch wieder ein anderes Ostseeanrainerland im Mittelpunkt stehen wird.

Hinweisen möchten wir noch auf die internationalen Tage Jüdischer Musik. Zum Ausklang des Festjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ setzt das Sonderprojekt „Von Generation zu Generation – der internationalen Tage Jüdischer Musik“ – veranstaltet vom Usedomer Musikfestival – vom 12. bis 18. November an einigen der schönsten Orte jüdischen Lebens in Deutschland Zeichen gegen Antisemitismus und für ein respektvolles, lebendiges Miteinander. In Berlin, Köln, Würzburg, Potsdam, Görlitz, Röbel, Stavenhagen und den Ostseebädern Heringsdorf und Ahlbeck präsentieren gefeierte Musikerpersönlichkeiten ein abwechslungsreiches Programm der internationalen Tage Jüdischer Musik.

Am Freitag, den 12. November, musizieren um 10:00 Uhr im Albert- Einstein- Gymnasium Potsdam Schülerinnen und Schüler des Albert- Einstein – Gymnasiums. Sie werden von den Sängern Kantor- Isidoro Abramowicz, Schulamit Lubowska und Yoed Sorek unterstützt und von Jascha Nemtsov am Klavier begleitet, der auch die Moderation übernehmen wird.

Und am Sonntag, den 14. November startet um 19:30 Uhr in der Archenhold Sternwarte Berlin ein weiteres Highlight Jüdischer Musik.
Vortrag- Fritz Spalink.- Gesänge kommen von Kantor Isidoro Abramowicz, Schulamit Lubowska und Yoed Sorek, während die Moderation und Klavierbegleitung wieder in den Händen von Jascha Nemtsov liegt.

Weitere Informationen bei:

Förderverein Usedomer Musikfreunde e.V.
Maxim-Gorki-Straße 13
17424 Seebad Heringsdorf
Telefon: 038378 34647
Telefax: 038378 34648
info@usedomer-musikfestival.de
https://usedomer-musikfestival.de

Usedom Tourismus GmbH
Hauptstrasse 42
17459 Seebad Koserow
Telefon: +49 (0) 38375 244 144
Telefax: +49 (0) 38375 244 145
E-Mail: info@usedom.de
https://usedom.de

Text:

Peter Marquardt

Fotos:

Matthias Dikert

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