Samstag , 21. November 2020


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So geht sächsisch! – BOOM. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen

11. Juli – 31. Dezember 2020

Sächsisch ist vielmehr als ein Dialekt… es hat so einiges zu bieten: Architektur, Musik und Kunst, reizvolle Landschaften. Und seit jeher ist Sachsen ein Land der Macher. Es lohnt sich, die Zeugen der sächsischen Industriegeschichte anzuschauen und daher lässt die 4. Sächsische Landesausstellung die Region Südwestsachen als ein bedeutendes Zentrum der europäischen Industrialisierung lebendig werden.

Die große Zentralausstellung im Audi-Bau Zwickau, die vom Deutschen Hygiene-Museum durchgeführt wird, präsentiert auf 2.500 m2 ein breites kulturhistorisches Panorama der sächsischen Industrieentwicklung in sechs Kapiteln. In einer eindrucksvollen Inszenierung überraschen rund 600 wertvolle historische Objekte wie Kunstwerke, Fotos, Filme und Zeitdokumente, die sich dem Besucher in unerwarteten Zusammenhängen darbieten. Parallel dazu finden an sechs Orten der sächsischen Industriegeschichte branchenspezifische Schauplatzausstellungen statt.

MaschinenBoom. – Hier wird das Rad der Geschichte zurückgedreht

Das Industriemuseum Chemnitz ist in einem besonders schönen Gebäude untergebracht, einer ehemaligen Gießerei. Kurator Jürgen Kabus vermittelt sein geballtes Wissen über die Geschichte der Industrialisierung in einer modernen und multimedialen Ausstellung, die Groß und Klein mitreißt. Denn eine Sache ist sicher: Maschinen bestimmen und beeinflussen unser ganzes Leben. Und: „Das Alte hört nicht auf, bloß weil etwas Neues kommt“, so Kabus.

500 Jahre Industriekultur in Sachsen. Von Chemnitz bis ins Erzgebirge

Maschinen haben nicht nur unsere Arbeitswelt grundlegend verändert. Vielmehr begleiten sie uns in allen erdenklichen Lebenslagen und halten immer mehr Einzug in unser Privatleben. Aber: Was genau ist eigentlich eine Maschine und welche Rolle spielen Maschinen in unserem Leben? Nehmen wir das Beispiel Textil: Damals mussten Baumwollfasern höchst zeitaufwendig verdreht und verzogen werden. Eine Arbeiterin hat mit ihrem Spinnrad nur einen Faden von ungefähr 100-150 m herstellen können. Mit der Erfindung der neuen Maschine ging alles viel schneller und es konnte fast 3000mal mehr Faden in der gleichen Zeit produziert werden.

War früher Kleidung noch ein Luxusgut (man hatte nur die Arbeitskleidung und die Sonntagstracht), wurde sie auf einmal auch für den kleinen Mann erschwinglich. Maschinen verändern sich ständig mit den Bedürfnissen der Menschheit und verändern aber kongruent auch unseren Alltag. Heute ist es wieder trendy, Produkte zu erwerben, die aus einer Manufaktur stammen – also ein klein wenig „back-to-the-roots“ im Zeitalter 4.0. Nach Martin Burckhardt, einem Kulturtheoretiker aus Berlin, war die erste Maschine des Menschen übrigens das Alphabet.

EisenbahnBoom – Mit Volldampf in die Zukunft

Das Hobby aus Kindheitstagen im Miniaturmaßstab ist und bleibt eine Leidenschaft! Auf dem Gelände des Eisenbahnmuseums Chemnitz-Hilbersdorf (dem größten, noch funktionstüchtigen Dampflok-Bahnbetriebswerk Europas) geben historische und denkmalgeschützte Gebäude, technische Anlagen und Fahrzeuge dem authentischen Ort eine unvergleichliche Atmosphäre.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Stadt Chemnitz zu einem bedeutenden Eisenbahnknoten in Südwestsachsen. Die Eisenbahn war zugleich Kind und Motor der Industrialisierung.

Unter anderem wurden Rohstoffe aus dem Erzgebirge über das ständig wachsende Eisenbahnnetz zu den Produktionsstädten Zwickau und Chemnitz transportiert. Die hier hergestellten Produkte wurden dann ebenfalls mit der Eisenbahn in alle Welt verschickt. Durch diese globalisierenden Tendenzen, neue Vernetzungen und Kooperationen nahm die Eisenbahn Fahrt auf, ermöglichte die industrielle Massenproduktion und erschloss die internationalen Märkte. Es entstand die erste deutsche Fernbahnstrecke, der erste Tunnel auf dem europäischen Festland wurde gebohrt und die ersten Eisenbahnbrücken erbaut.

Wirklich Bedeutung hatte der Lokomotivbau der Sächsischen Firma vorm. Richard Hartmann AG. Hartmann lieferte 1848 seine erste Lokomotive, die „Glückauf“, an die Sächsisch-Bayerische Bahn und bis 1929 noch 4.698 weitere an Eisenbahngesellschaften in aller Welt – und das, obwohl seine Fabrik nie einen Bahnanschluss besaß. Ende der 1920er Jahre war das Transportaufkommen dann so gewachsen, dass eine hochmoderne Seilablaufanlage installiert wurde, die den traditionellen Rangierbetrieb ablöste.

So konnten rund 3.600 Wagen anstelle von vorher 2.800 Wagen bewegt werden. Spannend sind auch die Rundheizhäuser mit 26 Lokständen und zwei 20-Meter-Drehscheiben sowie den originalen Gleis- und Werkstattanlagen – hier ist es möglich, hautnah rund 50 alte Dampf-, Diesel- und Elektrolokomotiven verschiedener Baureihen (natürlich auch Loks von Hartmann) sowie historische Personen- und Güterwagen zu bestaunen. Noch heute kann man in Sachsen täglich „unter Dampf“ fahren. Eisenbahnfans haben außerdem die Gelegenheit, auf dem Führerstand eines „Dinosauriers“ mitzufahren, oder bei einer Schauvorführung eines Wagenablaufs beobachten, wie Waggons auf einem Rangierbahnhof entkoppelt werden.
(Als Freilichtmuseum beendet der Schauplatz Eisenbahn seine Saison witterungsbedingt am 01. November mit einem Veranstaltungswochenende)

AutoBoom – Neue Impulse – frische Ideen

Sie interessieren sich für Lack und Chrom? In Südwestsachsen liefen die ersten Modelle großer Weltmarken wie Horch, Audi, DKW und Wanderer vom Band. Heute stammt jedes zehnte in Deutschland gebaute Auto aus sächsischen Fabriken. Sachsen ist heute Heimat großer Marken wie BMW, Porsche und VW. Hinzu kommen mehr als 780 Zulieferer, Ausrüster und Dienstleister.

Das August Horch Museum Zwickau befindet sich genau im Herzen des alten Audi-Werkes und ist eines der schönsten und größten Automobilmuseen Deutschlands. Es beleuchtet die Geschichte der durch das Auto gewonnenen Mobilität. Der Schauplatz AutoBoom grenzt direkt an das Museum an und stellt die Frage, wie sich die Mobilität, die Technik und das Verhalten der Menschen verändert hat. Betrachteten die Menschen neue Errungenschaften erst doch eher skeptisch – stand das Automobil zunächst für Lärm und Gestank.

Bereits in den 1990er Jahren entwickelten sächsische Firmen Fahrzeuge mit Elektroantrieb, die es aber nie in die Serienproduktion geschafft haben. Die Ausstellung zeigt regionale Innovationen, die Fahrzeuge heute leichter, stabiler und umweltfreundlicher machen. Zahlreiche Roboter unterstützen die Produktion auch in der Automobilbranche. Wussten sie, dass der weltberühmte „Trabi“ schon ab 1987 mit Industrierobotern gefertigt wurde?

Der Schauplatz Autoboom zeigt neue Lösungen, effizient und nachhaltig in Bewegung zu bleiben. Das ist notwendig, erfährt das altbewährte Automobil doch wachsende Kritik. Visionäre Mobilitätskonzepte wie das autonome Fahren oder Elektroautos mit Solarmodulen, autofreie Städte und intelligent vernetzte Verkehrskonzepte sind die Themen der Stunde.

TextilBoom – Leute machen Kleider

Die Stadt Crimmitschau entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem Zentrum der sächsischen Textilindustrie. Hier waren 1859 auch Friedrich und Antonie Pfau zur Stelle und zogen mit ihrer 1859 gegründeten Handweberei in eine 1885 neu errichtete Maschinenweberei. 1916 kauften sie die benachbarte Spinnerei dazu und so entstand eine Volltuchfabrik. Das bedeutet, dass die gesamte Produktion, von der Anlieferung der Fasern, über die Herstellung des Garns, des Färbens, des Webens, der Veredelung und des Versands an die Kunden alles aus einer Hand bedient wurde.

Die hier hergestellten Streichgarngewebe, eher festere Stoffe, wurden weltweit angeboten, bis die Fabrik 1990 endgültig stillgelegt wurde. Betritt man heute die Fabrik, öffnet sich ein Zeitfenster eben dieses Jahres: Die Industriearchitektur und der alte Maschinenpark sind nahezu vollständig erhalten. Man hat den Eindruck, als sei hier gestern noch gearbeitet worden. Es werden Rundgänge durch die Fabrik angeboten, bei denen der Gästeführer die Herstellung von Stoffen von der Faser (in der Wolferei) bis hin zum fertigen Tuch erklärt und dabei an einzelnen Stationen sogar die original erhaltenen Maschinen wieder anwirft.

Zeitzeugen, Frauen, die hier noch bis 1990 gearbeitet haben, begleiten diese Rundgänge, was die Führung einmalig und besonders informativ werden lässt. Können doch die Frauen, die übrigens sehr stolz darauf sind, hier gearbeitet zu haben, alle Fragen beantworten und mit spannenden Geschichten aus dem Arbeitsalltag ausmalen.

KohleBoom – noch längst nicht Schicht im Schacht

Als wichtigster Energielieferant steht die Steinkohle, Sachsens schwarze Diamanten, bei der Industrialisierung ganz am Anfang. Das Erz musste dem Berg seit jeher abgetrotzt werden – mit Blut, Schweiß, Muskelkraft und Menschenleben. Es war ein Knochenjob, bei dem die Menschen unter Bedingungen in den Berg gingen, die sich heute kaum noch jemand vorstellen kann. Die Bergleute waren stolz auf ihre Arbeitsleistung. „Alles kommt vom Bergwerk her“, so sagt ein altes sächsisches Sprichwort.

Was wäre die Industriekultur in Sachsen ohne den Bergbau?

1869 abgeteuft, entwickelte sich der Schacht Oelnsitz durch mehrere Um- und Erweiterungsbauten von 1923 bis 1940 zur modernsten Steinkohleförderanlage Deutschlands, bis die Förderung 1967 eingestellt wurde. In einer einmaligen Inszenierung eines Steinkohlewaldes unternehmen die Museumsbesucher eine Zeitreise in die Vergangenheit: Sie entdecken, wie der Rohstoff Steinkohle vor 300 Millionen Jahren entstanden ist. Dann geht es weiter über den Steinkohleabbau im Mittelalter, über seine Bedeutung für die Industrialisierung bis hin zur Förderung des letzten sächsischen Kohlehuntes (Lore). Und: Was hat die Ananas mit Steinkohle zu tun (Auflösung am Ende des Rundgangs)?

Aber auch die schwere und gefährliche Arbeit der „Kohlekumpel“ wird erklärt, es wird über Unglücke und Katastrophen berichtet, aber auch von sozialen und technischen Errungenschaften und dem Leben der Bergarbeiter und ihrer Familien. Im Anschauungsbergwerk (in das richtige kann man als Besucher nicht hinein, da zu gefährlich) erlebt der Besucher historische Abbau- und Fördertechniken in Funktion und erhält Einblicke in den harten Alltag unter Tage. Wenn man Glück hat, fesseln und überraschen den Besucher echte Kumpels, mit denen man eine „schwarze Pause“ (ein Brötchen mit einer Wurst und einem Bier) „unter Tage“ einnehmen kann. Dass der Bergbau zunehmend in den Fokus des Tourismus gerät, hat noch einen schönen Nebeneffekt: Die alten Berufe werden wieder gebraucht – vornehmlich für die Traditionspflege. „Ich finde es einfach schön, das aufrechtzuerhalten“, sagt Maximilian Schneider, ein Student der Bergakademie Freiberg.

SilberBoom – „Glück auf!“ in der „Reichen Zeche“

Mit den ersten Funden von Silber 1168 bei der heutigen Stadt Freiberg begann die bergbauliche Erschließung der Region. Es wurden nicht nur Silber, Zinn, Kobalt, Eisen und Uran gewonnen, sondern auch andere Rohstoffe wie Kaolin, Kalk und Steinkohle. Im Silberbergwerk „Reiche Zeche“, 1384 wird es ersturkundlich erwähnt, können die Spuren des Bergbaus erkundet werden. Über Jahrhunderte förderten die Bergleute hier wertvolles Silber und gewannen wegweisendes Knowhow. Auch heute noch ist das Bergwerk aktiv in Betrieb, Wissenschaftler und Studenten der Technischen Universität Bergakademie Freiberg heben hier die Schätze der Wissenschaft und entwickeln zukunftsweisende Projekte und Technologien.

Werden sie selbst zum Entdecker und fahren mit dem Förderkorb 150 Meter in die „Teufe“ ein. Mir Sicherheitsausrüstung ausgestattet lernen sie beim Gang durch das unterirdische Labyrinth auf multimediale und interaktive Weise die Arbeit der früheren Bergleute kennen. Höhepunkt der Tour ist die Silberkammer, wo sie erfahren, wie das Silber die Stadt berühmt und den Markgrafen von Meißen zu „Otto dem Reichen“ machte.

Wer meint, dass Bergbau heute nicht mehr „aktuell“ ist: im Gegenteil! Bergleute sind heute nach wie vor gefragt, zum Beispiel im Tunnelbau, im Ingenieurswesen, bei Versorgungs-, Entsorgungs- oder Sanierungsbetrieben oder bei Forschungsorganisationen.

Ursprünglich sollte die Landesausstellung vom 25. April bis zum 1. November 2020 zu sehen sein, musste aber aufgrund der Corona-Pandemie verschoben werden. Die Ausstellung ist nun vom 11. Juli bis zum 31. Dezember 2020 für das Publikum zu erleben.

Adressen:

1. Tourismusverband Erzgebirge e. V., Adam-Ries-Straße 16, 09456 Annaberg-Buchholz, Fon: +49(0)3733 18800-0, Mail: info@erzgebirge-tourismus.de
2. MaschinenBoom, Industriemuseum Chemnitz, Zwickauer Straße 119, 09112 Chemnitz, Fon: +49(0)371 3676 140, Mail: chemnitz@saechsisches-industriemuseum.de
3. EisenbahnBoom, Eisenbahnmuseum Chemnitz-Hilbersdorf, Frankenberger Straße 172, 09131 Chemnitz, Mail: info@sem-chemnitz.de
4. AutoBoom, August Horch Museum, Audistraße 7, 08058 Zwickau, Mail: landesausstellung@avantgarde.de
5. TextilBoom: Tuchfabrik Gebr. Pfau, Crimmitschau, Leipziger Straße 125, 08451 Crimmitschau, Mail: info@saechsisches-industriemuseum.com
6. KohleBoom, Bergbaumuseum Oelsnitz, Pflockenstraße 28, 09376 Oelsnitz/Erzgebirge, info@bergbaumuseum-oelsnitz.de
7. SilberBoom, Forschungs- & Lehrbergwerk, Silberbergwerk Freiberg, Fuchsmühlenweg 9, 09599 Freiberg
8. Katalog Boom. 500 Jahre Industriekultur in Sachsen, Hrsg. Thomas Spring für das Deutsche Hygiene-Museum, Sandstein-Verlag, Dresden 2020, ISBN 9-783954-985449, 384 Seiten kartoniert, Preis in den Austellungen 19,90 €, im Buchhandel 29 €

Text:

Aniko Berkau

Fotos:

Matthias Dikert

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